Die Meisterhäuser
Somit war unser nächster Stopp bei den Meisterhäusern:
Das waren im Prinzip Musterhäuser für das Wohnen der Zukunft. Sie sollten zeigen, wie man modern, praktisch und
trotzdem bezahlbar leben kann. Eingezogen sind dort die Lehrer des Bauhauses, die man damals „Meister“ nannte.
Als erstes haben wir uns das Doppelhaus von Wassily Kandinsky und Paul Klee angeguckt. Von außen sieht es aus wie mehrere weiße Würfel, die ineinandergeschoben wurden. Das Innere von Kandinskys Haus war eine Überraschung. Da er am Bauhaus Form- und Farbenlehre unterrichtet hat, hat er seine eigenen Wohnräume als Experiment genutzt. Die Wände waren überhaupt nicht steril weiß, sondern total bunt: ein Mix aus Rosa, hellem Gelb und Gold.
Ein besonderes Highlight in Kandinskys Haus, war die Küche. Sie ist ein Paradebeispiel für die damalige Rationalisierung
der Hausarbeit und nimmt die Prinzipien der berühmten „Frankfurter Küche“ auf. Alles ist auf Effizienz ausgelegt. Auf Bildern konnten wir die kurzen Wege zwischen Herd, Spüle und Vorratsschrank sehen, die fast wirkten wie eine industrielle Anordnung im Haushalt. Es war interessant zu sehen, wie der Anspruch an Funktionalität selbst beim Alltag einer Küche nicht endete.
Dann gingen wir zum Direktorenhaus von Walter Gropius, das das einzige Einzelhaus war und meiner Meinung zeigt, dass er ein bisschen egozentrisch war. Dieses markante Einzelhaus am Anfang der Siedlung existiert in seiner ursprünglichen Substanz nicht mehr. Es wurde im Zweiten Weltkrieg bei einem Luftangriff fast vollständig zerstört, nur noch der Sockel war erhalten. Kurzeitig stand dort ein normales Haus auf dem originalen Sockel. Es war zunächst unklar, was mit diesem Grundstück passieren sollte: Die einen wollten das Haus exakt so wieder aufbauen, wie es früher war. Andere meinten, das sei geschummelt und man
dürfe das Bauhaus nicht einfach kopieren, weil das Bauhaus ja immer nach vorne geschaut hat, und man wollte etwas aus heutiger Sicht Revolutionäres bauen.
Am Ende hat man sich für einen Kompromiss vom Berliner Architekturbüro Bruno Fioretti Marquez entschieden, den man „unscharfe Replik“ nennt. Als wir davor standen, war das zunächst ein komisches Gefühl. Das Haus hatte zwar wieder genau die gleiche Form und Größe wie das Original von Gropius, aber es fehlen fast alle Details. Es gibt keine sichtbaren Fensterrahmen oder Türgriffe, alles schließt flach mit der Wand ab. Die Fenster sind matte Glasscheiben, die keinen Einblick gewähren und die dazu dienen, dem Haus innen eine Museumsbeleutung zu ermöglichen.
Das ganze Gebäude wirkt dadurch wie eine riesige, minimalistische Skulptur aus hellem Beton und grauem Mattglas. Man sieht sofort, wie das Haus mal aussah, aber man merkt eben auch direkt, dass es nicht mehr das echte, alte Haus ist. Der Guide meinte, dass man sich dafür entschieden hat, denn, wenn wir an etwas denken, das länger vorbei ist, haben wir das nicht mehr genau vor
Augen. Unsere Erinnerung ist oft vage, wir erinnern uns an die ungefähre Form und die Größe, aber nicht an jedes einzelnes Detail. Genau das zeigt das Haus: Es ist wie eine Erinnerung aus Beton. Man erkennt die Form von Gropius‘ Haus sofort wieder, aber die Details sind verschwommen. Anfangs stand ich dieser Idee eher kritisch gegenüber aber jetzt im Nachhinein denke ich, dass das eigentlich eine gelungene Installation ist.
Text: Marieke Blecke und Ole Meyer-Heubach, Q2, LK (Schuljahr 2025/26) Kunst
Fotos: Frau Daxenberger (Schuljahr 2025/26)
